Geschichte

Gründung des Bauvereins

Wie Phönix aus der Asche: eine durch zwei Großbrände am 11. und 18. August 1904 verursachte Wohnungsnot in Herborn brachte die Gründung des Bauvereins ins Rollen. 26 Häuser und 60 Scheunen fielen den zwei Bränden im August 1904 zum Opfer, zahlreiche Familien wurden obdachlos.

Bereits am 9. September 1904 fand die konstituierende Sitzung, initiiert durch den damaligen Landrat, Herrn von Wussow, mit 44 Gründungsmitgliedern im Herborner Rathaus statt, um den Betroffenen schnelle Hilfe zukommen zu lassen. 100 Geschäftsanteile wurden à 200 Mark gezeichnet. Ziel des neu gegründeten Bauvereins war es, bezahlbaren und gesunden Wohnraum und „schöne Häuserviertel“ zu errichten. Die Arbeit des Bauvereins sollte sich auf den damaligen Dillkreis beschränken.

beginn

BU: Erwerbshäuser in Alsbach 1905

Der Leumund der Gründungsmitglieder machte die Genossenschaft kreditwürding und ermöglichte am 21. September 1904 den Beschluss der Gremien zum Ankauf von Bauland im Herborner Stadtteil Alsbach. Bereits am 3. November 1904 wurde der Grundstein für ein Vierfamilienhaus gelegt. 15 Häuser mit insgesamt 32 Wohnungen wurden 1904/1905 als so genannte Erwerbshäuser in Herborn und Sinn errichtet und an die neuen Nutzer weiterveräußert.

Die weiteren Jahre

Ab 1908 konzentrierte sich der Bauverein zunehmend auf die Nachbarschaft Dillenburg, wo für die dort ansässigen Beamten – immerhin ein Drittel der damaligen Bevölkerung – Wohnraum im Mittelfeld errichtet wurde. Der damaligen Zeit entsprechend wurden die Häuser „standesgemäß“ auf die hierarchische Einordnung der zukünftigen Nutzer konzipiert: für mittlere Beamte kleinere Wohnungen, für höhere Beamte großzügige Wohnungen; zur Unterbringung der Dienstboten mit Mansardenzimmern im Dachgeschoß.

richtfest

BU: Richtfest vor über 100 Jahren

Bis 1914 hatte der Bauverein 265 Wohnungen geschaffen. Durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde der Bautätigkeit jedoch vorerst ein Ende gesetzt, die umgehend nach Abschluss der Friedensverhandlungen wieder aufgenommen wurde. Der Ausbau des Güterbahnhofs in Dillenburg und ein weiterer Aufbau der Behördenstrukturen machte dies auch dringend erforderlich. Der Verlust des Geldwertes in den Jahren der Inflation erschwerte eine ordnungsgemäße Finanzierung des benötigten Wohnbedarfs; dennoch erreichte der Bauverein unter den 50 Genossenschaften des Verbandes Hessen-Nassau Rang 5 in der Bautätigkeit, direkt hinter den Unternehmen der Großstädte liegend.

25-jähriges Jubiläum

Zum 25-jährigen Jubiläum 1929 bestand die Genossenschaft aus 525 Mitgliedern mit 2.017 Geschäftsanteilen, verfügte über 119 Wohnungen und 44 eigenen Häuseren, hatte 54 Erwerbshäuser erbaut und 172 Bürgschaftsbauten unterschützt.

Ab 1930 kam dann die Bautätigkeit allerdings fast vollständig zum Erliegen, da der Bedarf an Mitwohnungen auch gedeckt war und aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse ein rentabler Wohnungsbau nicht mehr im Bereich des Möglichen lag. Mit Wirkung zum 23.10.1932 wurde der Bauverein als „Gemeinnütziges Wohungsunternehmen“ durch Beschluss des Regierungspräsidenten in Wiesbaden anerkannt.

Das Naziregime stellte neue Herausforderungen dar. Vorstand und Aufsichtsrat gelang es, die Verwaltungstätigkeit ohne personelle Veränderungen wahrnehmen zu können; die staatlich verordnete „Gleichschaltung im Sinne angezogener Gesetze“ wurde mit Schreiben vom 22.12.1933 durch den Regierungspräsidenten bestätigt. Die damalige politische Entwicklung mag auch zum Entschluss der Stadt Dillenburg beigetragen haben, die in 1905 gezeichneten 100 Geschäftsanteile zum Jahresende 1936 zu kündigen. Zum 19.07.1937 erklärten die Stadtväter jedoch erneut den Beitritt zur Genossenschaft.

Verluste im 2. Weltkrieg

Der 2. Weltkrieg hatte auch für den Bauverein Dillenburg eG erhebliche Auswirkungen: Mitglieder blieben im Felde, drei Häuser wurden durch Bombenangriffe total zerstört, weitere Häuser wurden schwer beschädigt. Die Kriegsverluste schlugen mit einer Viertelmillion Mark zu Buche.

Direkt nach Kriegsende sah sich der neu gewählte Vorstand von die Aufgabe gestellt, die beschädigten Häuser schnellstmöglich wieder bewohnbar zu machen. Die notwendigen Finanzmittel waren zwar vorhanden, jedoch fehlte es an Material und Arbeitskraft. Insbesondere die „Bezugsscheine für Material“ ließen nur eine unsystematische Arbeit zu.

Mit der Währungsreform 1948 verlor die Genossenschaft ihr Barvermögen, doch die neuen wirtschaftlichen Verhältnisse ließen einen Aufbau zu. Dieser war dringend erforderlich, da auch Dillenburg und die heimische Region Heimatvertriebene zugewiesen bekam. Um deren Unterbringung sicherzustellen, wurde vorhandener Wohnraum beschlagnahmt. Eine nahezu menschenunwürdige Überbelegung war die Folge, doch hatte wenigstens jeder ein Dach über dem Kopf.

Rege Bautätigkeit in den Nachkriegsjahren

Mit Wirkung zum 29. Januar 1951 wurde die Genossenschaft als „Gemeinnütziges Siedlungsunternehmen“ anerkannt, dass sich nun verstärkt dem Wohnungsbau zuwandte. Das Ziel war klar: solide, gesunde und vor allem bezahlbare Wohnungen sollten für Familien in und um Dillenburg bereitgestellt werden. 51 Häuser mit insgesamt 246 Wohnungen wurden von Kriegsende an bis Ende der 60er Jahre errichtet. Parallel zur Bautätigkeit wurde bereits ab Mitte der 60er die Modernisierung des Wohnungsbestandes in Angriff genommen.

Mitte der 70er hatten lediglich noch 20 Wohnungen kein eigenes Badezimmer. Ab 1973 war die Genossenschaft auch bei der Sanierung der Dillenburger Innenstadt aktiv. Der geplante Abbruch, alter, baufälliger Häuser in der Hintergasse und Marbachstraße machten Ausweich-Wohnungen erforderlich. Hierzu errichtete der Bauverein in der Marbachstraße und Alten Rheinstraße neue Häuser.

Die Energiekrise Anfang der 70er stellte neue Herausforderungen dar, die eine Umorientierung im Neubau-Bereich, aber auch in der Erhaltungsplanun für bereits bestehende Häuser erforderlich machte. Diese Entwicklung setzt sich auch heute noch fort und wird in Energie sparende Fassadenmodernisierungen, Einbau von Isolierfenstern und ähnlichen Maßnahmen mieterorientiert umgesetzt.

Zum 75-jährigen Bestehen bestand der Bauverein aus 739 Mitgliedern mit 2.674 Geschäftsanteilen, 545 Wohnungen, 120 Garagen und zwei gewerblichen Räumen. 331 Wohnungen waren veräußert worden, die Eigenkapitalsumme belief sich auf 4,57 Mio. DM.

Veränderung im Wohnungsmarkt

Die 80er Jahre waren geprägt durch starke Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt. Bezahlbarer Wohnraum wurde zunehmen in wirtschaftlich ertragreichere Gewerbe- und Geschäfts-Mieträume umgewandelt. Dies ging nicht ohne Proteste vonstatten – Hausbesetzungen in Hamburg und Berlin waren in aller Munde.

Die Entwicklung des Zinsniveaus, die Wärmeschutzverordnung und die II. Berechnungsverordnung für den öffentlichen Wohnungsbau führten zwangsläufig zu höheren Mietpreisen. Steigende Tendenz zeigte gleichfalls die Arbeitslosenquote und die Insolvenzen in der Bauwirtschaft. Die Expansion des Bauvereins ging jedoch unvermindert weiter. Zusätzlich zu weiteren Bauvorhaben wurden zu Beginn der 80er Jahr Mehrfamilienhäuser in Sinn erworben.

Das Inkrafttreten des Bilanzrichtliniengesetzes zum 01.01.1987 brachte gravierende Veränderungen im Rechnungswesen und vor allem beim Jahresabschluss mit sich, so dass die bisher übliche Gegenüberstellung der Jahresabschlüsse für die Jahre 1986 und 1987 nicht mehr möglich war.

Im August des Jahres 1987 wurde mit einem Gesamtvolumen von 2,517 Mio. DM der erste Teilabschnitt der Wohnanlage Sonnenhügel fertig gestellt und an die neuen Mieter übergeben. Der Wohnungsbedarf war weiterhin steigend, insbesondere aufgrund der weiteren Zuwanderung von Spätaussiedlern. 1989 wurde die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Niederscheld mbH mit 128 Wohnungen, 27 Garagen und einer Gewerbeeinheit durch den Bauverein übernommen.

Wiedervereinigung und Reformen

Zu Beginn der 90er Jahre zeigte das in 1988 beschlossene Steuerreformgesetz Auswirkungen auch auf die Wohnungswirtschaft: die Gemeinnützigkeit wurde zum 01.01.1990 aufgehoben. Damit wurden Gesellschaften und Genossenschaften der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft mit Ausnahme der Vermietungsgenossenschaften steuerpflichtig. Dadurch entgingen den Unternehmen auch Abschreibungsmöglichkeiten, die eine Erwirtschaftung von Gewinnen nahezu unmöglich machte. Der Bauverein als reine Vermietungsgenossenschaft blieb von diesen Veränderungen weitgehend unberührt, da die Einnahmen aus steuerlich relevanten Geschäften unter 10 Prozent lagen.

Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten führte zu weiterem Wohnungsbedarf auch in der hiesigen Region, und auch die Zuwanderung von Aussiedlern und Asylbewerbern hielt weiter an. Gleichzeitg war der Beginn einer wirtschaftlichen Rezession spürbar. Trotz Rückgang der Bautätigkeit im Allgemeinen, führte der Bauverein den Ausbau neuer Wohnanlagen, zum Beispiel Sonnenhügel und Buchenweg fort.

Im September 1999 fand ein Wechsel in der Führungsriege des Bauverein Dillenburg eG statt. Nach 30-jähriger Vorstandstätigkeit zog sich Reinhold Desworetzki in den Ruhestand zurück. Als Nachfolger wurde Volker Pletka zum geschäftsführenden Vorstandsmitglied berufen. Zeitgleich erfolgte der Umzug der Verwaltungsstelle in das neu erworbene Geschäftshaus in der Wilhelmstraße 4, das zuvor den Ansprüchen einer modernen Geschäftstätigkeit angepasst wurde.

Zugunsten der Mitglieder und der Umwelt

Die neue Unternehmensleitung setzt seither auf eine intensive Modernisierung des vorhandenen Bestandes. Umfassende Fassaden-Modernisierungen mit Wärme-Dämm-Verbundsystemen bringen Nutzern erhebliche Einsparungen im Energieverbrauch. Ein Beitrag der Genossenschaft nicht nur zu Gunsten der Mitglieder, sondern auch für die Umwelt und den verantwortungsbewussten Umgang mit natürlichen Ressourcen. Die Anpassung des Wohnungsbestandes an heutige Ansprüche hinsichtlich der Grundrissgestaltung, in Sanitärbereichen, Elektrik und Unterhaltungselektronik stehen mit an oberster Stelle.

Darüber hinaus ist der Wandel zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen in vollem Gange, um den Ansprüchen der Kunden in der Wohnungswirtschaft gerecht zu werden und auf Dauer konkurrenzfähig zu bleiben. Der Genossenschaftsgedanke wird auch heute noch gepflegt. Insbesondere in Siedlungsgebieten mit kleineren Objekteinheiten, wie beispielsweise in der Lohrbachstraße, wird den Mietern zusätzlich zu den Wohnungen ein Gartenanteil zur Verfügung gestellt. In oft liebevoll angelegten Außenanlagen wird das Engagement unserer Mitglieder dokumentiert, welches das Erscheinungsbild des Unternehmens, aber auch der Stadt, positiv prägt.

Aus der Not zur Tugend: Das heutige Unternehmen bringt Tradition und Innovation unter einen Hut, für und gemeinsam mit den Mitgliedern, um Wohnen und Leben in der Region attraktiv und bezahlbar zu gestalten. Das Rüstzeug für die nächsten 100 Jahre ist vorhanden.